Die Attraktivität des Staatsdienstes wächst – das ist das für einige Personen sicher überraschende Ergebnis einer Studie des Haftpflichtverbandes der Deutschen Industrie (HDI), für die rund 4.000 Erwerbstätige ab 15 Jahren befragt worden sind. Wo sich vor einigen Jahren noch gerade junge Leute häufig für die freie Wirtschaft entschieden haben, setzt offenbar nun ein Umdenken ein. Warum das so ist und welche Erkenntnisse die Studie sonst noch brachte, erfahren Sie hier.
Jugend strebt nach Sicherheit
Teuerung, Pandemie, Krieg, eine zunehmend bedrohliche Weltlage, soziale Unsicherheit – die jungen Erwachsenen blicken einer Zukunft entgegen, die weniger rosig ist, als es die ihrer Eltern damals war. Das Versprechen, dass alles langsam und stetig für alle besser wird und Leistung auf jeden Fall belohnt wird, gilt nicht mehr. Stattdessen hat sich gezeigt, dass blitzartig alles hinfällig sein kann, was bislang als sicher galt. Dies ist die Situation, aus der heraus die jungen Fachkräfte, die auf den Arbeitsmarkt gelangen, sich nach einem Beruf umschauen.
Statt auf Risiko zu spielen und sich mit Ehrgeiz und Eifer ihren Weg in der freien Wirtschaft nach oben zu bahnen, geben 43 Prozent der Befragten an, dass sie in den öffentlichen Dienst möchten. Für die Privatwirtschaft begeistern sich nur mehr 40 Prozent. Gerade für unter 25-Jährige ist der öffentliche Dienst attraktiv. Sie sehen vor allem die folgenden Positivpunkte:
- Die Arbeitsplätze sind sicher.
- Es gibt im Ruhestand höhere Bezüge.
- Das Nettogehalt ist besser.
- Der Job wird mit weniger Stress verbunden.
- Die Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten sind angenehmer.
Beinahe jede vierte Person gibt an, dass die Attraktivität des Staatsdienstes innerhalb der letzten fünf Jahre zugenommen habe. Unter Führungskräften, die Projekte leiten und Personalverantwortung tragen, ist es sogar jede dritte Person. Da gerade jüngere Menschen diese Ansicht vertreten, gehen Experten davon aus, dass es sich um ein langfristiges Phänomen handeln wird. Diese Generation wird schließlich von nun an am längsten auf dem Arbeitsmarkt vertreten sein.
Der Wunsch nach Belastungsreduktion und Flexibilität
Ein weiteres Ergebnis ist ebenfalls bemerkenswert: Inzwischen wünschen sich 53 Prozent der Befragten, die in Vollzeit angestellt sind, eine Reduktion ihrer Arbeitszeit. Diese Zahl ist damit das vierte Jahr in Folge gestiegen. Die berühmte Work-Life-Balance scheint für die Menschen immer wichtiger zu werden.
Dazu passt, dass ganze 68 Prozent derer, die teilweise oder ganz im Homeoffice bzw. remote arbeiten können, sich gegen eventuelle Beschränkungen oder Rücknahmen dieses Rechts aussprechen. Manche Arbeitgeber haben sich dazu entschlossen, die Möglichkeiten fürs Homeoffice nach Ende der Pandemie wieder rückgängig zu machen. Das kommt allerdings bei den Angestellten nicht gut an. Am zufriedensten erweisen sich diejenigen Mitarbeitenden, die teils im Büro und teils im Homeoffice arbeiten können. So haben sie sowohl den Austausch mit dem Kollegium als auch die Möglichkeit, konzentriert daheim etwas abzuarbeiten.
Vertrauen in die KI wächst
Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Umfrage ist, dass das Zutrauen in die Künstliche Intelligenz wächst: Waren es 2023 noch 11 Prozent der Befragten, die sagten, dass die neue Technik mehr Chancen als Risiken berge, hat sich diese Zahl bis zum Sommer 2025 fast verdreifacht: Jetzt haben rund 28 Prozent diese Antwort gegeben. Zudem steigt die Überzeugung an, dass KI zu besseren Ergebnissen im Unternehmen führen kann. Diese Antwortmöglichkeit ist innerhalb von zwei Jahren von 8 auf 24 Prozent gestiegen.
Warum Teilzeitarbeit wichtig ist
Die Chancen für den Öffentlichen Dienst stehen gut, dem Fachkräftemangel etwas entgegenzuwirken – vor allem dann, wenn das starre „das haben wir immer so gemacht“ etwas mehr Flexibilität weicht. Natürlich ist es einfacher für Behörden, wenn alle Mitarbeitenden in Vollzeit und vor Ort arbeiten. Das entspricht aber den Lebensrealitäten heute nicht mehr:
- Häufig reicht ein Gehalt nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren – doch wer Kinder hat oder Angehörige pflegt, kann nicht gut 40 Stunden die Woche arbeiten.
- Frauen sind weniger oft bereit, nur unbezahlte Carearbeit zu leisten, da dieser Weg direkt in die finanzielle Abhängigkeit und die Altersarmut führt. Entsprechend entscheiden sich immer mehr Paare dazu, dass beide arbeiten – aber vielleicht beide in Teilzeit.
- Alleinerziehende können je nach Alter der Kinder nur eine bestimmte Stundenanzahl pro Woche leisten.
Für alle diese Punkte sind Teilzeitarbeit und Jobsharing die Lösung. Und die Arbeit in Teilzeit muss nicht den unteren Etagen der Behörde vorbehalten sein: Auch Shared Leadership wird mehr und mehr ein Thema, mit dem moderne Arbeitgeber sich auseinandersetzen sollten.
Info: Ermöglichen Sie auch denjenigen den nächsten Karriereschritt, die wegen ihrer eingeschränkten zeitlichen Kapazitäten bisher davon ausgeschlossen gewesen sind, wirkt sich das positiv auf Ihr Employer Branding aus!
Karten beim Recruiting richtig ausspielen
In der Studie zeigt sich, worauf junge Fachkräfte Wert legen. Das sollten Sie bei der Formulierung der Stellenanzeigen im Hinterkopf behalten:
- Bieten Sie Teilzeitstellen an, wo es möglich ist – auch in Führungspositionen.
- Nutzen Sie KI, wo sie sinnvoll ist, und schulen Sie Ihre Mitarbeitenden sorgfältig in der Nutzung.
- Ermöglichen Sie Remote Work für alle Aufgaben, für die die Angestellten nicht vor Ort sein müssen.
Letzteres ist nicht nur ein Punkt, mit dem etwa Eltern ihre verschiedenen Aufgaben besser unter einen Hut kriegen: Sie erschließen sich damit einen ganz neuen Fachkräftepool. Manche neurodivergenten Menschen etwa können sich nicht oder nur schwer konzentrieren, wenn sie mit anderen Leuten zusammenarbeiten müssen. Lesen sie das Wort „teamfähig“ als Anforderung in einer Stellenanzeige, bewerben sie sich nicht. Ermöglichen Sie ihnen aber die Arbeit in den eigenen vier Wänden, können Sie sich der Mitarbeit loyaler Fachkräfte sicher sein.
Fazit: Entgegenkommen schafft Vertrauen
Behörden können angesichts der verschobenen Prioritätensetzung der jüngeren Arbeitnehmenden ihren Fachkräftemangel verringern, wenn sie die passenden Angebote machen. Die Debatte um längere Arbeitswochen und die „faule Jugend“, die nicht mehr arbeiten möchte, ist nicht zielführend: Gibt es insgesamt nur vergleichsweise wenige Arbeitskräfte, schauen diese sich die Konditionen bei den verschiedenen Stellen genau an und entscheiden sich für diejenigen, die das Wichtigste bieten können. Und das Wichtigste, das zeigt die aktuelle Studie, sind Sicherheit und die Vereinbarkeit von Leben und Beruf.
Statt also damit zu hadern, dass die Zeiten sich ändern, nutzen Sie Ihre Energie sinnvoller: Schaffen Sie Arbeitsbedingungen, die junge Fachkräfte anziehen und an den Arbeitsplatz binden.
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