Warum gelten Fehler in vielen Unternehmen immer noch als Karriererisiko? Der Ablauf ist oft derselbe: Ein Fehler passiert, und als Erstes wird nach der oder dem Schuldigen gefahndet. Dabei löst die Schuldzuweisung das Problem nicht – und eine etwaige “Bestrafung” schon gar nicht. In einer positiven Fehlerkultur gehen Sie die Dinge daher anders an, denn: Scheitern ist kein Beinbruch.
Positive Fehlerkultur: Was bedeutet das?
In einer positiven Fehlerkultur gehen Sie und alle Mitarbeitenden des Unternehmens respektive der Behörde offen und bewusst mit Fehlern um. Sie werden nicht sanktioniert und auch nicht als individuelles Versagen einer bestimmten Person zugeschrieben. Stattdessen begreifen Sie sie als Chance zum Lernen und zur Verbesserung des Systems.
Unterschied zwischen Schuldkultur und Lernkultur
In der Schuldkultur ist es wichtig, dass jemand für einen Fehler verantwortlich gemacht werden kann: Ist eine Person schuld, spricht das die anderen frei. Der Person, die den Fehler gemacht hat, können daraus berufliche Nachteile erwachsen – frei nach dem Motto: Strafe muss sein.
In der Lernkultur hingegen, die mit der Fehlerkultur Hand in Hand geht, werden Fehler nicht sanktioniert. Stattdessen helfen sie beim Verstehen der Abläufe und tragen zur kontinuierlichen Verbesserung bei. In einer aktiven Lernkultur wird das Lernen fest in den Alltag integriert und findet unabhängig von Schulungen statt. Sie bietet den Mitarbeitenden Raum für ihre Kompetenzentwicklung und ihre Anpassungsfähigkeit und ermöglicht Innovationen.
5 Vorteile einer starken Fehlerkultur
Eine starke Fehlerkultur ist für Behörden und Unternehmen auf unterschiedliche Weise nützlich:
- Fehler werden nicht vertuscht, sondern oft frühzeitig erkannt und benannt. Auf diese Weise können sie behoben werden, ohne dass sie schwer zu berichtigende Ausmaße annehmen.
- Gemeldete Fehler erlauben es, die Prozesse zu untersuchen, Schwachstellen zu identifizieren und die Vorgehensweise zu verbessern. So werden Fehlerquellen sukzessive vermindert.
- Teams, die nicht mehr ängstlich auf Fehlervermeidung bedacht sind, agieren freier, kreativer und finden öfter innovative Lösungen.
- Fallen Schuldzuweisung und Sanktionen weg, fühlen die Mitarbeitenden sich wohler und sicherer – die Zufriedenheit am Arbeitsplatz wächst und die Fluktuation sinkt.
- Ihr Team lernt, konstruktiv mit neuen Situationen umzugehen, und wird dadurch flexibler und agiler, was ein Wettbewerbsvorteil sein kann.
Rolle der Führungskraft: Von Kontrolle zu Lernarchitektur
Sie als Führungskraft werden in einer Arbeitsumgebung mit positiver Fehlerkultur anders gefordert. Der erste und wichtigste Schritt findet im Kopf statt: Da Fehler sich ohnehin nicht vermeiden lassen, müssen Sie lernen, sie anders zu betrachten – nicht als Ärgernis bis Katastrophe, sondern als notwendigen Trittstein, um die nächste Stufe zu erreichen.
Ihre Rolle besteht weniger in der Überwachung als in konstruktiver Unterstützung:
- Berichtet jemand aus dem Team einen Fehler, unterbrechen Sie bei Bedarf den betroffenen Arbeitsprozess, bis der Fehler behoben ist.
- Besprechen Sie mit dem Team, wie der Fehler auftreten konnte, und verbessern Sie den Ablauf so, dass die Fehlerquelle ausgeschlossen oder zumindest verringert wird.
- Bemerken Sie selbst einen Fehler, den ein Teammitglied macht, weisen Sie es unter vier Augen höflich darauf hin – ohne Vorwurf. Suchen Sie wieder gemeinsam nach einer Möglichkeit der Verbesserung.
Machen Sie deutlich, dass Sie alle in einem Boot sitzen und dass Sie gemeinsam von der Verbesserung der Fehler profitieren können. So nehmen Sie eine Rolle ein, in der Sie unterstützen, gestalten und den Arbeitsalltag erleichtern – nicht kontrollieren, kritisieren und strafen.
Wie beeinflusst Führung konkret die Fehlerkultur?
Sie als Führungskraft haben eine Vorbildfunktion. Unterläuft Ihnen ein Fehler, gehen Sie daher transparent damit um: Benennen Sie ihn, überlegen Sie offen, wie es dazu kommen konnte, und suchen Sie (am besten im Team) nach einem Weg, wie Sie diesen Fehler zukünftig verhindern können.
Wenn Ihre Mitarbeitenden sehen, dass Sie selbst nicht unfehlbar sind und offen damit umgehen, werden sie selbst auch mutiger. Es reicht nicht, dass Sie lediglich sagen, dass nun eine offene Fehlerkultur herrscht: Sie müssen sie leben – und das heißt auch, zu partizipieren.
Den Impuls zu unterdrücken, einen eigenen Fehler unter den Teppich zu kehren, ist eine schwierige Aufgabe. Erinnern Sie sich daran, dass Sie damit Ihren Mitarbeitenden neue Wege eröffnen, die die Arbeit für alle angenehmer macht.
Voraussetzungen für eine lernorientierte Fehlerkultur
Zu den wichtigsten Voraussetzungen für die lernorientierte Fehlerkultur zählt, dass Sie die Schuldzuweisung hinter sich lassen. Das Narrativ sollte lauten: Nicht Menschen verursachen Fehler, sondern Prozesse. So vergeuden Sie keine Zeit mit der Suche nach Schuldigen, sondern verbessern Arbeitsabläufe und Vorgehensweisen. Weitere Voraussetzungen sind die folgenden:
- Ihre Mitarbeitenden müssen die Angst davor verlieren, einen Fehler zuzugeben.
- Sie und Ihr Team müssen jederzeit bereit sein, eine Situation auf mögliche Verbesserungen zu überprüfen und diese dann umzusetzen.
- Sie sollten den Mitarbeitenden die Möglichkeit geben, Vorstellungen und Ideen umzusetzen und auszuprobieren – ohne Anspruch darauf, dass daraus unbedingt ein Mehrwert erwachsen muss.
Die ganze Organisation bzw. Behörde sollte Fehler als notwendige Bestandteile des Wachstums und der Verbesserung begreifen.
7 praktische Instrumente für Führungskräfte
Es gibt verschiedene Instrumente, die Sie als Führungskraft für die Etablierung einer positiven Fehlerkultur nutzen können:
- Schlankes, unkompliziertes Fehlermeldesystem: Prüfen Sie, auf welchen Wegen Fehler aktuell gemeldet werden können, vereinheitlichen Sie sie und gestalten Sie sie möglichst niedrigschwellig
- Kontextualisierung: Spielt die Schuldfrage keine Rolle, müssen die Mitarbeitenden den Kontext wie etwa den Arbeitsprozess betrachten, in dem der Fehler aufgetreten ist
- Angaben zu Ursache und Behebung: Ermöglichen Sie es den Mitarbeitenden, bereits bei der Fehlermeldung Vermutungen zu äußern, wie es dazu kam, und gegebenenfalls Tipps zur Behebung mit einzureichen
- Schulungen: Statt den Mitarbeitenden das Fehlermeldesystem nur zur Verfügung zu stellen, schulen Sie sie in der Benutzung
- Teamarbeit: Liegt ein Fehler vor, sollte das Team gemeinschaftlich überlegen, wie er auftreten konnte und wie Sie die entsprechenden Prozesse optimieren könnten
- Lob: Wenn Sie die Mitarbeitenden loben, wenn sie (nicht vorsätzliche) Fehler melden, nehmen Sie ihnen die Angst davor
- Überprüfung: Thematisieren Sie regelmäßig das Fehlermeldesystem und überlegen Sie im Team mit Ihren Mitarbeitenden, ob Anpassungen nötig werden
Es ist also wichtig, dass Sie die neue Fehlerkultur als Teil des Arbeitsalltags etablieren. Ihre Mitarbeitenden sollten sich daran gewöhnen, dass Fehler nicht nur behoben, sondern zur Verbesserung für alle genutzt werden.
Risiken und typische Fehler in der Umsetzung
Das wohl größte Risiko bei der Einführung einer positiven Fehlerkultur an der Arbeitsstelle ist, dass es bei einem Lippenbekenntnis bleibt. Das ließe sich an verschiedenen Punkten ablesen:
- Personen, die einen Fehler gemacht und gemeldet haben, bekommen danach weniger verantwortungsvolle Aufgaben oder werden geringschätzig behandelt.
- Führungskräfte ermuntern ihre Teammitglieder dazu, Fehler zuzugeben, tun das aber selbst nicht.
- Führungskräfte wählen ausschließlich den sichersten Weg und lassen ihre Teams keine Risiken eingehen.
Diese Verhaltensweisen verhindern, dass sich eine wirkliche Fehlerkultur entwickeln kann, da Fehler noch immer schambesetzt sind und nach Möglichkeit vermieden werden. Die Ergebnisse der Axa-Studie über Fehlerkultur im Job von 2024 spiegeln das teilweise wider: Beinahe ein Viertel aller Beschäftigten rechnet mit negativen Konsequenzen, wenn sie bei der Arbeit einen Fehler machen, und fast die Hälfte der jüngeren Arbeitnehmenden traut sich nicht, einen Fehler zuzugeben.
Fazit: Fehlerkultur für Fortschritt und angenehmes Arbeitsumfeld
Was eine offene Fehlerkultur angeht, ist Deutschland erst vor wenigen Jahren auf Platz 60 von 61 untersuchten Ländern gelandet – wir lieben unseren Perfektionismus, hassen Fehler und sind beruhigt, wenn jemand schuld ist. Das ist im Arbeitsalltag aber kontraproduktiv: Behörden und Unternehmen, die es schaffen, sich von der Schuldfrage zu lösen, können mit ihren Fehlern konstruktiv umgehen und an ihnen wachsen.
Ganz abgesehen davon, dass eine Fehlerkultur Lernen und Innovation fördert, bietet sie auch Vorteile auf dem Arbeitsmarkt: Die Mitarbeiterzufriedenheit wächst, die Arbeitgeberbewertungen werden besser und Fachkräfte denken weniger häufig an einen Wechsel. Eine offene Fehlerkultur zeichnet also gute Arbeitgeber aus.
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