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Neuer Job: Nicht gleich alles auf die Probe stellen

Die ersten drei oder sechs Monate eines Arbeitsverhältnisses werden zwar als Probezeit vereinbart, doch die geeignete Zeit für Mutproben ist das nicht. Gleichwohl verhalten sich viele Führungskräfte ganz bewusst wie „Gun-men“. Nach Art kraftstrotzender Muskelmänner wollen sie ihre Umgebung beeindrucken und für sich einnehmen. Damit machen sie aber alles falsch und provozieren den raschen Rausschmiss.

Es gibt nicht wenige Führungskräfte und solche, die es einmal werden wollen, die an ihrem neuen Arbeitsplatz möglichst rasch und in überschaubarer Zeit ausprobieren, was und wie viel davon sie sich künftig wohl werden erlauben dürfen. Sie spielen während der Phase der Einarbeitung und gegenseitigen Erprobung „den starken Mann“. Ein bisschen vom gründlich missverstandenen Machiavellismus schwingt schon mit, wenn der neue Mann in den ersten Tagen seines „Daseins“ im Unternehmen

  • den Mitarbeitern kategorisch erklärt, was der Vorgänger alles falsch gemacht habe und wohin jetzt „der Hase läuft“,
  • gleichrangigen Kollegen durch Verhalten, Reden und Tun zu verstehen gibt, dass er der primus inter pares ist,
  • der Assistentin klar macht, woher künftig der Wind weht,
  • das Mobiliar seines Büros nach eigenem Geschmack verrückt oder
  • bei der Firmenleitung nun doch noch den großvolumigeren Firmenwagen durchzusetzen versucht.

Mangelnde Einsichten verbauen die Aussichten

Wem „viel Feind“ „viel Ehr“ bedeutet, wird sich zunächst um die vielen Fettnäpfchen nicht kümmern, in die er bei derlei Attitüden tritt. Erst wenn das Maß voll und mangels Verträglichkeit des Neuen mit seinem Umfeld das Angestelltenverhältnis vorzeitig noch in der Probezeit beendet ist, folgt dem Machtmissbrauch entweder der Katzenjammer oder die Selbstbelügung des zunächst Gehassten, dann Geschassten: „Gut, dass ich so schnell herausgefunden habe, dass der Job nichts taugte. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte in diesem Haus ein oder zwei Jahre ausharren müssen!“

Die hier skizzierten Typen, die Dynamik mit Hektik verwechseln, sind in den Managementetagen der deutschen Wirtschaft zum Leidwesen der Personalverantwortlichen verbreitet – wenn auch jeweils jeder sich nicht lange des neuen Jobs erfreuen darf.

Mit Diplomatie haben sie sich durch die Auswahlprozeduren des Unternehmens geschlängelt und das Rennen gemacht. Am Ziel angekommen, kompensieren sie den erlittenen, vorübergehenden Anpassungsdruck in einer Art Revanche. Sie zeigen allen, mit denen sie es künftig im Unternehmen zu tun haben werden, was nun „eine Harke“ ist und wer sie schwingen wird.

Professionelle Bewerber düpieren den Personalverantwortlichen

Noch schlimmer gebärden sich die an sich schon vor Vertragsabschluss Gescheiterten, die angesichts jahrelanger Misserfolgserlebnisse entweder faktisch oder psychisch kaputt sind. Sie schaffen es zwar, bei der Auslese der Bewerber den besten Eindruck zu machen; sie geben sich kompetent, höflich, diplomatisch, persönlichkeitsstark, sympathisch. Doch zahllose Bewerbungserlebnisse haben sie in den herkömmlichen Techniken der Personalauswahl geschult und sachkundig darin gemacht, wie der letztlich erfolgreiche Bewerber sich zu verhalten hat. Hat der auswählende Personalverantwortliche weniger Erfahrung in diesem speziellen Metier als der Bewerber, steht er mit einem nicht enttarnten „Kurzzeit-Dynamiker“ am Ende immer als der Dumme da.

Muss der neue Mann schon während der Probezeit wieder gehen, belasten unnötige Kosten das Budget, nicht verifizierbare Renditenschmälerungen entstehen durch Leistungsausfälle und zeitliche Verzögerungen bei geplanten Projekten. Viel Porzellan ist zerschlagen, bevor ein Nachfolger gefunden ist, der die verstörten Mitarbeiter wieder aufbaut und zu neuen Leistungen motiviert. Ein guter Mann, der in anderweitiger Anstellung ist, wird in solchen „Fällen“ zwischen den klassischen Kündigungsfristen eh schwer zu finden sein, denn die Kündigungszeiten sind desto länger, je besser der potenzielle neue Bewerber ist.

Betreuung während der Probezeit kann helfen

Immer mehr Unternehmen rufen Berater von extern zur Hilfe, um Bewerber der geschilderten Querulanten- und Protzqualität vielleicht doch noch zur Räson zu bringen. Der Erfolg solcher Bemühungen, mit Hilfe eines neutralen „Interessenmaklers“ dem Einfühlungsvermögen beider Seiten auf die Beine zu helfen, ist nicht garantiert. Doch schon mancher Draufgänger hat nach entsprechender Beratung und psychologisch-geschickter Aufklärung von seinem törichten Gehabe abgelassen und nach hinreichender Entschuldigung bei den verdutzten und vergrätzten Mitarbeitern und Kollegen die Kurve in die weitere Karrierebahn doch noch geschafft.

Es ist zu befürchten, dass „mangelnde Realitätskontrolle“ während der Einarbeitungs- und Probezeit künftig noch häufiger als bisher zu vorzeitiger Auflösung neu eingegangener arbeitsvertraglicher Verhältnisse führen wird. Während der jetzt beendeten Baisse in vielen Bereichen des Arbeitsmarktes für Manager und Führungsnachwuchskräfte hat sich bei erfolglosen Bewerbern eine Menge Frust angestaut, den sie im Zeichen der Erholung auf dem Arbeitsmarkt ablassen. Als Berater von Unternehmen erfährt man eine Menge von der negativ besetzten Stimmung, in der Kandidaten ihre Bewerbung vollziehen. Wer als Stellensuchender nicht in der Lage ist, Enttäuschungen zu verdauen und auf „hygenische“ Weise abzubauen, wird den weiteren Weg nach oben wegen erhöhter seelischer Belastung und zunehmender Vergiftung seiner selbst nicht schaffen.

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