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Unter die Lupe genommen: Video-Interviews

Der digitale Wandel macht vor niemandem Halt, das Thema Digitalisierung gilt als generationenverändernder Mega-Trend. Insbesondere die Corona-Krise hat Digitalisierungsprozesse stark beschleunigt und auch die letzten Zweifler und Verweigerer daran erinnert, dass „mit der Zeit zu gehen“ momentan vor allem bedeutet, sich digital fit für die Zukunft zu machen.

Auch in der Personalauswahl werden digitale Prozesse immer populärer. Video-Interviews sind in Asien und Amerika auch schon vor Corona fester Bestandteil des Recruiter-Alltags gewesen, während sie in Deutschland vor allem mit der Corona-Krise einen wahren Aufschwung erleben.

Doch wie nützlich sind Video-Interviews tatsächlich?
Wo liegen Vor- und Nachteile, auch unter diagnostischen Gesichtspunkten? Nehmen wir diese angesagte „heilige Kuh“ doch mal ernsthaft unter die Lupe.

Klare Vorteile – aber nicht in jedem Fall!

Die Vorteile von Videogesprächen sind aktuell sehr präsent und liegen weitestgehend auf der Hand: es ist ein Austausch auf Distanz möglich. Zudem sind Video-Interviews wenig ressourcenbindend, Unternehmen bzw. Recruiter sparen sich Zeit und Kosten und müssen keinen großen Vorbereitungsaufwand investieren. Auch auf Bewerberseite kann Zeit gespart werden, eine eventuell aufwändige An- und Abreise entfällt und das Bewerbungsgespräch lässt sich leichter in den Berufsalltag integrieren. Insgesamt verbuchen wir also einen hohen Punktestand auf Seiten der Flexibilisierung und Effizienz. Darüber hinaus empfinden es viele Bewerbenden als angenehm, während eines Auswahlgespräches via Video die Möglichkeit zu haben, Unterlagen vor sich ausbreiten und von ihnen ablesen zu können. Viele Kandidaten fühlen sich auch dadurch wohler und selbstsicherer, dass sie sich zu Hause im heimischen Umfeld befinden; so wird das Bewerbungsgespräch gewissermaßen zum „Heimspiel“.

An dieser Stelle drängt sich schon auf, auch einmal über „Do’s & Dont’s“ im Rahmen von Video-Interviews zu sprechen, damit der flexible, moderne und ressourcensparende digitale Austausch nicht zur Katastrophe auf Bewerberseite wird und sich potenzielle Vorteile in Nachteile verwandeln!

Do’s and Dont’s auf Bewerberseite

Ein Video-Vorstellungsgespräch ist und bleibt ein Vorstellungsgespräch! Auch wenn dieses im heimischen Wohnzimmer stattfindet, ist es unabdingbar, professionelle und passende Rahmenbedingungen zu schaffen.  

Achten Sie konkret auf:

  • Eine geeignete Kleiderwahl (oben und unten, auch wenn die Verlockung groß ist; so sorgen Sie auch für das richtige Mindset)
  • Ein störungsfreies und ruhiges Umfeld
  • Einen möglichst neutralen Hintergrund (Recruiter finden es durchaus spannend, auch den Videohintergrund in ihre diagnostische Einschätzung einzubeziehen; vermeiden Sie also z. B. Unordnung, zu viele private Fotos oder unruhige Regale. Überlegen Sie sich gezielt, was Sie preisgeben möchten und wie das Ihrem Außenauftritt dient oder stellen Sie den Hintergrund anhand Ihrer Software unscharf)
  • Eine gute Beleuchtung (natürliches Licht ist am Besten, vermeiden Sie Schatten, Gegenlicht, Spiegelungen oder einen starken Lichtschein von oben)
  • Eine günstige Kameraperspektive (Sie sollten weder stark nach oben noch nach unten sehen müssen; günstig ist es zudem, wenn man Ihren gesamten Oberkörper sieht, damit auch Ihre Gestik und Körperhaltung einbezogen werden kann)
  • Eine sorgfältige technische Vorbereitung (aufgeladener Akku Ihres Endgerätes, ein stabiler Internetempfang und vor allem eine frühzeitige Installation und Testung der Videosoftware im Vorfeld)

Wenn sich Bewerbende entsprechend sorgfältig vorbereiten, wirken sie im Gespräch digital-affin, souverän und modern und können die großen Vorteile von Video-Interviews auch für ihre eigene Person voll ausschöpfen. Kandidaten, die Schwierigkeiten mit der Soft- oder Hardware haben oder sich nicht seriös präsentieren, hinterlassen dagegen schnell den Eindruck, nicht mit der Zeit zu gehen oder unflexibel zu sein.

Darüber hinaus kann auch der scheinbar geschütztere Rahmen zu Hause vor dem eigenen Computer genauso ein Vorteil wie ein Nachteil für Kandidaten darstellen. Während sich die einen souveräner und selbstsicherer präsentieren, weil ihnen der Videokontakt leichter fällt und sie eventuell vorbereitete Unterlagen geschickt einzusetzen wissen, wird die heimische Atmosphäre für andere Kandidaten schnell zur Stolperfalle. Durch die digitale Distanz geraten eine angemessene Gestik und eine kontrollierte Körpersprache schnell in Vergessenheit – es wird beispielsweise eine betont gemütliche Körperhaltung eingenommen oder der Verlockung nachgegeben, auf dem Drehstuhl hin und herzudrehen. Auch ein angemessener Blickkontakt fällt vielen Kandidaten im Videogespräch deutlich schwerer als im persönlichen Austausch.

Achten Sie trotz der künstlichen Trennung anhand Ihres Bildschirms darauf, aktiv zuzuhören und die sprechenden Personen direkt anzuschauen. Auch vor diesem Hintergrund ist eine passende Ausrichtung Ihrer Kamera unabdingbar.

Auch ein zu hohes Sprachtempo oder eine unklare Aussprache können den Kommunikationsfluss via Video schneller und nachhaltiger stören, als es im persönlichen Gespräch der Fall wäre. Im Videokontakt geht vieles an nonverbaler Kommunikation verloren, weshalb Sprache und Inhalte an sich umso wichtiger werden.

Bewerbende können oder sollten das Thema Videogespräch also nicht aufgrund des möglicherweise entspannteren Settings auf die leichte Schulter nehmen – im Gegenteil.

Gerade in diesem Fall ist eine gute Vorbereitung elementar, um einen guten Eindruck zu machen und das Gespräch möglichst stress- und störungsfrei führen zu können. Recruiter machen sich im Videokontakt schließlich nicht nur den üblichen diagnostischen Eindruck über die Gesprächsführung und das Kommunikationsverhalten, sondern können die digitale Kompetenz sowie Flexibilität der Kandidaten ebenso unter die Lupe nehmen.

Weshalb persönliche Gespräche dennoch nicht ersetzbar sind

Man mag es in heutigen Zeiten kaum aussprechen – aber trotz aller Vorteile auf Bewerber- und auch Unternehmensseite sind uns persönliche Gespräche in vielen Fällen dennoch lieber. Egal wie gut sich Bewerbende und Recruiter bzw. Unternehmen vorbereiten und wie reibungslos oder störungsfrei die Videogespräche verlaufen, es bleiben Gespräche auf Distanz mit künstlicher Trennung. Gerade aus psychologischer Sicht kommen wir nicht umhin, den Verlust an nonverbaler Kommunikation via Video in die Waagschale zu werfen. Die Körpersprache, der Beziehungsaufbau und die Kontaktfähigkeit der Kandidaten werden stark durch das Medium Video gefiltert. Wenn dann noch technische Störungen hinzukommen und Bild und Ton verzögert sind, wird das Auswahlgespräch schnell zum Kraftakt.

Darüber hinaus haben wir nicht selten festgestellt, dass sich Bewerbende im Videogespräch sehr souverän präsentieren und im zweiten Auswahlschritt, vor Ort und vor einem Auswahlgremium, deutlich mehr mit Nervosität zu kämpfen haben. Kommunikationsstärke, Souveränität im Umgang mit verschiedenen Interessengruppen und vor allem Präsentationskompetenzen sind aus unserer Sicht sehr oft wichtige eignungsdiagnostische und oftmals erfolgskritische Kriterien, die sich über Videogespräche nicht umfassend genug überprüfen lassen. Denn schließlich suchen wir trotz Digitalisierung immer noch die besten Köpfe für eine persönliche Zusammenarbeit in den Organisationen unserer Kunden. Unter eignungsdiagnostischen Gesichtspunkten und auf Basis wissenschaftlicher Studien ist die Auswahlmethodik das Mittel der Wahl, die das spätere Setting am Arbeitsplatz am Besten widerspiegelt.

Fazit

Die Möglichkeiten, die uns der digitale Wandel bietet, sind vielfältig und positiv. Gerade die Corona-Krise hat noch einmal aufgezeigt, dass ein produktives und gewinnbringendes Miteinander sehr gut auch über einen Onlineaustausch möglich ist. Auch Video-Auswahlgespräche sind ein vorteilhaftes und flexibles Mittel, um Bewerbungsprozesse zu verschlanken, Ressourcen zu sparen und sich beispielsweise hinsichtlich digitaler Kompetenzen von Kandidaten einen guten Eindruck zu verschaffen. Aus unserer Sicht können Videogespräche sehr gut für erste Auswahlrunden oder einen ersten Eindruck eingesetzt werden, sollten allerdings nicht alleiniges Entscheidungskriterium bleiben. Der persönliche Austausch bietet die gesamte Bandbreite psychologischer und diagnostischer Auswahlkriterien und ermöglicht beiden Seiten, sowohl den Bewerbenden als auch den Unternehmen, sich umfassend und ganzheitlich zu präsentieren.

Ein klares „Ja“ für gut vorbereitete Video-Interviews, aber nicht als kompletter Ersatz für persönliche Auswahlgespräche.

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