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Arbeit 4.0 – alles bleibt anders

In der letzten Zeit sind zahlreiche Debatten durch die Begriffe Arbeit 4.0 und Industrie 4.0 geprägt worden. Diese Bezeichnungen sind weitläufig und bringen viel Raum für Diskussionen mit sich. So unterschiedlich die Meinungen auch sind, in einem ist man sich einig: Die fortschreitende Digitalisierung hat weitreichende Auswirkungen auf die Arbeitswelt der Zukunft: Alles wird anders – nichts bleibt wie es war.

 

I. Arbeit 4.0 – Inhaltliche Erläuterung des Begriffs

Mit dem Begriff der Arbeit 4.0 werden insbesondere technische Entwicklungen beschrieben wie Veränderungen der Arbeitsbedingungen und -strukturen, Vernetzung und Digitalisierung und Automatisierung.

Unsere Arbeitswelt wird sich im Zuge der fortlaufend zunehmenden Digitalisierung verändern und das rasanter als jemals zuvor. Im Grünbuch: Arbeiten 4.0 des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales wurde eine Eingrenzung der Begriffe Arbeit 4.0 und Industrie 4.0 vorgenommen. Demnach heißt es, dass das Schlagwort Industrie 4.0 einen Umbruch im produzierenden Sektor beschreibt, mit welchem das Leitbild einer hochautomatisierten und vernetzten industriellen Produktion- und Logistikkette sowie eine Zusammenführung von virtuellen und realen Prozessen einhergeht. Auch wenn die Digitalisierung im produzierenden Sektor wahrscheinlich langfristig am sichtbarsten erscheint (u.a. Ersetzung von Mensch durch Maschinen), bedeutet dies nicht weniger Veränderung in allen anderen Sektoren.

Arbeit 4.0 beschreibt in diesem Zuge nicht nur eine fortschreitende Veränderung der Technologie und damit einhergehende Transformationen von Prozessen, sondern insbesondere auch einen Wandel in den Werten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) erklärt im Vorwort zum „Grünbuch: Arbeiten 4.0“ anhand eines Beispiels die Implikationen des Wandels:

„Sitzt der LKW-Fahrer von heute auf seiner Route morgen zwar nicht am Steuer, aber als Pilot in seinem Führerhaus und überwacht die elektronischen Instrumente? Hat er übermorgen seinen Platz in einem Logistikzentrum, von wo aus er mehrere selbstfahrende LKW aus der Ferne kontrolliert? Oder kann er das vielleicht von zu Hause aus erledigen? Hat er dabei mehr Freizeit als früher, kann er gesünder leben, seine Familie häufiger sehen, sich die Arbeit mit seiner Frau teilen? Hat er noch einen Bezug zu seinem Unternehmen? Kann er darin mitwirken und mitbestimmen? Hat er die Solidarität seiner Kolleginnen und Kollegen? Oder fühlt sich unser Fahrer überflüssig und findet keine Arbeit mehr? Hat er vielleicht die Chance ergriffen, etwas ganz Neues zu machen? Hat er dabei die Unterstützung unserer Institutionen gefunden?“

 

II. Arbeit 4.0 – Auslöser eines Wertewandels

Anhand dieses Beispiels lässt sich erkennen, dass Arbeit 4.0 mehr umfasst als eine voranschreitende Digitalisierung. Arbeit 4.0 beinhaltet eine enorme Erweiterung der Flexibilität von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Diese sind im Zuge der technologischen Weiterentwicklung zu einem Großteil nicht mehr an eine Arbeitsstätte gebunden. Durch moderne Technologien kann die Arbeit zeitlich flexibel und ortsungebunden ausgeführt werden.

Damit einhergehend beinhaltet Arbeit 4.0 einen Wertewandel in der Gesellschaft von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Aufgrund der Möglichkeit, die die Digitalisierung mit sich bringt, werden wieder Werte in den Vordergrund gerückt, die einst hinter den Wertevorstellungen einer Arbeitergesellschaft verborgen lagen, beispielsweise der Wunsch nach einer ausgewogenen Work-Life-Balance.

 

III. Arbeit 4.0 bietet Chancen und Risiken

Arbeit 4.0 birgt viele Chancen, aber auch Risiken.

Was überwiegt ist zu einem Großteil abhängig von der jeweiligen Institution selbst: Kann ein Unternehmen mit dem Wandel mithalten? Ist es der Digitalisierung gewachsen? Ist es überhaupt offen für Veränderungen?

Entscheidend sind dabei einerseits die Rahmenbedingungen (z.B. Ausstattung der Hardware, Experten mit entsprechendem Know-How etc.) und andererseits die Wahrnehmung sowie Einstellung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (z.B. adäquate Kommunikation, Engagement, Motivation etc.). Die Bereitschaft, „mitzugehen“ und die Veränderung anzunehmen ist die Basis, um Arbeit 4.0 erfolgreich zu leben. Eine durchschnittliche bis überdurchschnittliche Ausprägung auf der Skala Offenheit der Big 5 – Persönlichkeitseigenschaften sowie eine gesunde Neugier begünstigt die Sichtweise, Veränderungen eher als Chance und weniger als Risiko wahrzunehmen.

Die Digitalisierung schafft Freiräume. Um diese effizient zu nutzen, bedarf es, laut einer Untersuchung des Institutes der deutschen Wirtschaft in Köln (2014), einer Sensibilisierung der zwischenmenschlichen Kompetenzen. Beispielsweise gewinnt eine hohe Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit an Bedeutung, damit aus der räumlichen Distanz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keine Barriere in der Zusammenarbeit entsteht. Ferner verlangt ein Zuwachs an Freiräumen eine erhöhte Bereitschaft und Fähigkeit, sich selbst zu organisieren.

 

1. Worin bestehen die Chancen?

Wie zuvor bereits angesprochen schafft die Digitalisierung Freiräume, eine Abhängigkeit von Arbeitsplätzen und –zeiten ist nicht mehr gegeben. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bedeutet dies die Möglichkeit der Individualisierung von Arbeitsbedingungen. Die Arbeit kann auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtet werden, dadurch wird die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Freizeit erleichtert. Zugespitzt kann die Arbeit rund um die Uhr und standortunabhängig erledigt werden, solange eine erfolgreiche Aufgabenerfüllung sichergestellt ist. Aber auch für Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bringt die Flexibilisierung der Rahmenbedingungen Vorteile: Eine höhere Erreichbarkeit sowie eine individuelle Ausrichtung auf Kundenbedürfnisse stellen hierbei nur die offensichtlichsten Zugewinne dar.

Die Digitalisierung beeinflusst nicht nur die Rahmenbedingungen der Arbeit, sondern auch ihre Struktur. Es kann nicht nur Zeit für Konferenzen oder Dienstreisen eingespart, auch können administrative Aufgaben effizienzsteigernd automatisiert werden. Darüber hinaus ermöglicht die Arbeitswelt 4.0 eine Erleichterung von körperlicher Arbeit, beispielsweise durch Lasten- und Serviceroboter und leistet damit einen Beitrag zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen und nachhaltiger Gesundheitsförderung. Insbesondere im Hinblick auf eine immer älter werdende Gesellschaft schafft die Digitalisierung Potenzial zur Erhaltung von Arbeitskräften im fortgeschrittenen Alter.

 

2. Worin liegen die Risiken?

Je offener und flexibler die Umweltbedingungen werden, desto mehr Platz bieten diese für die Ausbreitung von Risikofaktoren. Trotz allen Chancen ist die Möglichkeit eines Anstieges an arbeitsbezogenen psychischen Belastungen aufgrund zunehmender Tätigkeiten mit hoher kognitiver Belastung ein bisher noch nicht kalkulierbares Risiko.

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer befürchten im Zuge der Arbeitswelt 4.0 eine Substituierbarkeit ihrer Tätigkeit. Können Aufgaben oder gar ganze Berufsfelder, die heutzutage von Beschäftigten ausgeführt werden, demnächst von Computern übernommen werden? Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat in seinem IAB-Forschungsbericht aus dem Jahre 2015 die Substituierbarkeitspotenziale von Berufen in Deutschland untersucht. Das Substituierbarkeitspotenzial wurde auf Grundlage von Berufsdaten aus der Datenbank der Bundesagentur für Arbeit berechnet, sodass die Spezifika des deutschen Arbeitsmarktes in Kombination mit dem deutschen Bildungssystem berücksichtigt wurden. Das Ergebnis der Untersuchung besagt, dass 15 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland einem sehr hohen Substituierbarkeitspotenzial ausgesetzt sind. Dies bedeutet, dass jene Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einem Beruf tätig sind, bei dem mehr als 70 Prozent der Tätigkeit bereits heutzutage durch einen Computer ersetzt werden könnten. Betroffen sind vor allem Hilfstätigkeiten und Fachkraftberufe, bei welchen Routinetätigkeiten automatisiert werden können. Dort liegt das Substituierbarkeitspotenzial bei ca. 45 Prozent. Am wenigste betroffen sind solche Tätigkeiten, für welche als Zugangsvoraussetzung eine Meister- oder Technikerausbildung bzw. ein Bachelorstudium (Spezialistentätigkeit; Substituierbarkeitspotenzial von ca. 30 Prozent) oder ein Master- bzw. Diplomstudium (Expertentätigkeit; Substituierbarkeitspotenzial von ca. 19 Prozent) notwendig ist.

Die Gefahr eines massiven Arbeitsplatzabbaus im Zuge einer fortlaufenden Digitalisierung ist jedoch laut der Studie des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung insgesamt gering, sodass der Wandel der Arbeitswelt weniger als Risiko, sondern eher als Chance, auch für individuelle Veränderung und Weiterentwicklung, gesehen werden sollten. Vielmehr werden im Rahmen der Arbeitswelt 4.0 neue Arbeitsplätze benötigt, um die Anforderung einer digitalen Welt langfristig gerecht zu werden. Nach einer Prognose der Boston Consulting Group aus dem Jahr 2015 wird die Digitalisierung ca. 390.000 neue Stellen in der deutschen Industrie schaffen.

Im Zuge der Digitalisierung und der Arbeitswelt 4.0 kommt der (Weiter-)Bildung zukünftig eine noch höhere Bedeutung zu. Die Voraussetzung dafür muss idealerweise in frühen Jahren geschaffen werden. Moderne Technologien sollten bereits in der Schule nicht nur verwendet, sondern bewusst für das Lernen und die Selbstorganisation eingesetzt werden. Darüber hinaus sollten moderne Technologien verstärkt in Ausbildungsberufe integriert werden, auch Fachkräfte müssen verstärkt dabei unterstützt werden die Anforderungen einer digitalen Arbeitswelt zu erfüllen.

 

IV. Was bringt uns die Zukunft?

Die zuvor ausgeführten Chancen und Risiken lassen annehmen, dass die Jobs der Zukunft physisch weniger anstrengend, dafür kognitiv anspruchsvoller, vielfältiger und komplexer werden. Um den Bedürfnissen einer digitalen Arbeitswelt gerecht zu werden, ist lebenslanges Lernen unerlässlich. Neben Fachkenntnissen gewinnen übergreifende Fähigkeiten sowie psychosoziale Kompetenzen zukünftig noch stärker an Bedeutung.

Doch von übergeordneter Relevanz ist die Bereitschaft jedes Einzelnen, den Wandel zu leben und zu gestalten, um den Nutzen der Arbeitswelt 4.0 für sich wahrzunehmen und zur Effizienzsteigerung der Wirtschaft beizutragen.

 

Auszug aus der Zeitschrift für Betrieb und Personal (B+P 1.2018), erschienen bei Stollfuß Medien

AUTOR/-IN
Denise Becker
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