Sie applaudieren genau wie die anderen, als Ihre Kollegin sich nach der Kurzpräsentation des Status quo ihrer Abteilung wieder hinsetzt. Das war erstklassig, aber Sie können sich nicht einfach nur für sie freuen: Sie haben sie immer schon bewundert, wollten gern werden wie sie – aber Sie kriegen es nie so mühelos hin, Ihr Team zu motivieren und die Ergebnisse so selbstbewusst zu präsentieren. Sie haben das Gefühl, Ihr Vorbild nie erreichen zu können. Treffen mit ihr deprimieren Sie inzwischen eher, als dass Sie sie beflügeln. Und an dieser Stelle sollten Sie die Notbremse ziehen!
Ein Vergleich hat zwei Seiten
Wenn Sie eine Führungsposition einnehmen, ist es völlig normal, dass Sie zu beiden Seiten und auch noch oben schauen, um zu sehen, wie sich die anderen Führungskräfte so schlagen. Dieser Blick auf die anderen ist ein Vorgang, der uns ab dem Moment begleitet, in dem wir feststellen, dass wir soziale Wesen sind: Schon in der Schule vergleichen wir uns mit Klassenkameradinnen und Klassenkameraden. Auf diese Weise erkennen wir, wo wir eigentlich gerade stehen.
Andere Menschen sind unsere Fixpunkte in der Welt. Durch das Vergleichen finden wir heraus, in welcher Hinsicht wir uns vielleicht verbessern können. Deshalb ist der Vergleich an sich erst einmal nichts Schlechtes: Er hilft uns bei der Einordnung unseres Tuns.
Positive Auswirkungen: Stolz und Ansporn
Sie beobachten unauffällig die anderen Führungskräfte im Unternehmen. Haben sie einige Probleme, wo bei Ihnen alles gut läuft, macht Sie das wahrscheinlich ein bisschen stolz: Sie scheinen ja etwas richtigzumachen. Stellen Sie fest, dass es bei der einen oder anderen Person in einer Hinsicht besser läuft als bei Ihnen, spornt Sie das vielleicht an, sich ebenfalls zu verbessern. Der Vergleich kann Sie also dazu motivieren, Ihre Vorgehensweise auf Schwächen zu untersuchen und bessere Leistungen abzuliefern.
Negative Auswirkungen: Neid und ungesunder Leistungsdruck
Finden Sie an Ihrer eigenen Arbeit nur wenig Gutes und sehen gleichzeitig bei anderen über kleine Fehler großzügig hinweg, werden Sie sich durch die Vergleiche nur unter Druck setzen: Statt alles sachlich im richtigen Licht zu betrachten, halten Sie sich selbst für unzulänglich. Sie entwickeln Neid auf Ihre betreffenden Kolleginnen und Kollegen und gönnen ihnen den Erfolg nicht.
Mit der Zeit werden die Vergleiche immer häufiger und Sie fühlen sich von Mal zu Mal schlechter. Ihr Mantra, dass Sie gar nichts können, wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Sie lähmen sich selbst, und aus Angst, etwas falsch zu machen, werden Sie unkonzentriert und machen erst recht Fehler.
Info: Es kommt nicht selten vor, dass Menschen in ungesunde Vergleiche abrutschen: Viele von uns sind mit sich selbst strenger als mit anderen.
Handlungsempfehlung: Vergleichen – aber richtig!
Es gibt einige Punkte beim Vergleichen, die Sie sich stets vor Augen halten sollten, damit Sie beim Blick auf Ihre Führungskräftekollegen ein gesundes Maß bewahren. Mit der passenden Vorgehensweise profitieren Sie selbst und auch die anderen vom Vergleich.
1. Bedenken Sie, dass Sie nie das ganze Bild sehen
Sie erleben Ihre Kollegen im Arbeitszusammenhang, wissen aber sonst in vielen Fällen nichts über sie. Das heißt, dass Sie nur einzelne Facetten zu sehen bekommen. Blicken Sie also immer ein bisschen über das direkt Sichtbare hinaus:
- Menschen, die extrem viel Zeit in die Arbeit investieren, haben entsprechend weniger Zeit für ihr Privatleben. Vielleicht zahlt der Kollege oder die Kollegin für den beruflichen Erfolg menschlich einen hohen Preis? Einsamkeit oder Entfremdung von der Familie sind in solchen Fällen keine Seltenheit.
- Niemand ist perfekt. Vielleicht hat die Kollegin, die Sie so sehr für ihre Fähigkeit zu Delegieren bewundern, bei der Arbeit mit so vielen Herausforderungen zu kämpfen, dass sie schlicht darauf angewiesen ist, diverse Aufgaben weiterzugeben?
- Manche Dinge erfordern Verzicht, zu dem Sie vielleicht gar nicht bereit wären, weil er Sie unglücklich machen würde: Vielleicht verbringt der schlanke, fitte, stets ausgeruhte Kollege alle seine Abende im Fitnesscenter, verzichtet auf Kohlenhydrate und geht um zehn ins Bett.
Kurz: Es wird mit Sicherheit auch negative Dinge im Leben dieser Menschen geben, die Sie von außen nicht sehen. Das sollten Sie sich immer ins Gedächtnis rufen, wenn Sie sich selbst kleinzumachen beginnen.
2. Sie können keine andere Person werden
Erinnern Sie sich an die Kollegin vom Anfang, der Sie immer so nachgeeifert haben? Verabschieden Sie sich von dem Gedanken, dass Sie so werden können wie sie. Das geht nicht. Sie sind ein eigenständiger Mensch mit eigenen Charaktermerkmalen, Stärken und Schwächen. Wenn Sie versuchen, sich mit diesen Merkmalen in die Schablone der bewunderten Kollegin zu quetschen, dann wird das nicht passen: An einigen Stellen werden Sie die Form nicht ausfüllen, an anderen überquellen.
Nehmen Sie Abstand davon, sich ihr angleichen zu wollen. Erinnern Sie sich daran, wer Sie sind und wie Ihre Werte aussehen. Arbeiten Sie daran, die beste Version Ihrer selbst zu werden, nicht die beste Version Ihrer Kollegin. Sie werden feststellen, dass das deutlich leichter geht – in Ihre eigene Rolle wachsen Sie zwar auch unter Anstrengungen, aber ohne Widerstände hinein.
3. Teilen Sie Erfahrungen
Mit dem Wissen der ersten beiden Punkte im Hinterkopf können Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen zum aktiven Erfahrungsaustausch einladen. Bitten Sie sie darum, Erfolgserlebnisse zu teilen und zu erklären, warum in der jeweiligen Situation alles gut funktioniert hat. Tauschen Sie aber auch Erfahrungen über Fehlschläge aus, damit Sie alle aus den Fehlern der anderen lernen können, ohne sie selbst machen zu müssen. Kurz: Geben Sie sich gegenseitig Tipps zu Dos und Don’ts – davon profitieren Sie alle.
Das muss keine einmalige Sache bleiben. Wenn die anderen Führungskräfte oder einige von ihnen offen dafür sind, können Sie regelmäßig einen Termin vereinbaren: Es hilft, Pläne gemeinsam durchzugehen und im Nachhinein zu schauen, was gut geklappt hat und welche Vorgehensweisen und Tipps hilfreich gewesen sind. Tauschen Sie sich regelmäßig über die best practices aus!
4. Machen Sie Benchmarks transparent
Gehen Sie offen damit um, an wessen Führungsstilen Sie sich orientieren und wie Ihre Ziele aussehen: Sie können sich die Performance in anderen Abteilungen und auch in anderen Unternehmen zum Vorbild nehmen. Bei Bedarf erhalten Sie an dieser Stelle ein Korrektiv, wenn Sie zu viel von sich verlangen oder sich zu verrennen drohen. Im Austausch mit anderen werden Sie auf jeden Fall Unterstützung finden und vielleicht auch Gleichgesinnte, die mit Ihnen an einer Optimierung arbeiten möchten.
Tipp: Achten Sie darauf, dass dieses produktive Miteinander nicht in einen Wettbewerb ausartet, sonst kippt die Stimmung schnell wieder!
Fazit: Offenheit bringt Sie weiter
Niemand redet darüber, aber Führungskräfte vergleichen sich ständig mit anderen. Da das ohnehin der Fall ist, können Sie auch davon profitieren. Brechen Sie das unausgesprochene Tabu und gehen Sie offen damit um, dass Sie sich mit anderen vergleichen und sich an ihnen orientieren! Im Austausch erfahren Sie vieles, was Ihre möglicherweise übergroße Bewunderung für andere wieder auf ein angemessenes Maß zurechtstutzt: Es sind auch alles nur Menschen mit Fehlern, Stärken und Schwächen. Dadurch bekommen Sie einen klareren Blick auf sich selbst.
Gemeinsam können Sie daran arbeiten, Ihre Schwächen abzumildern, Ihre Stärken hervorzuheben und die Zahl der Fehler zu minimieren. Bedenken, dass andere Führungskräfte sich dem offenen Austausch verwehren haben, sind unnötig: Menschen mögen es, wenn man ihre Erfolge lobt und sie um Rat bittet. Außerdem wird sich schnell zeigen, dass Sie voneinander lernen und so alle gemeinsam profitieren können.
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