zur übersicht

Der Wettlauf um die Talente geht weiter

Auslöser war der New-Economy-Boom der Jahrtausendwende. Inzwischen hat uns das Thema nicht mehr losgelassen – Bewerber- und Mitarbeiterknappheit prägen die Personalarbeit als immerwährende Konstante. Erfolgreiche HR-Arbeit von Kommunen und ihren Unternehmen wird sich diesen neuen Realitäten mit innovativen Ansätzen stellen müssen.

 

Heute liegt es etwa 20 Jahre zurück, dass ein neuer Begriff geprägt wurde. Er eroberte die Welt im Lauffeuer: „War for Talent“, übersetzt: Der Kampf um Talente. Diese Thesen sind heute aktueller denn je – der Rückzug der Baby-Boomer aus der Arbeitswelt wird die Jagd nach Talenten weiter aufheizen als in allen zurückliegenden Jahren.

Ein Blick ins Internet zeigt, wo wir beim „War for Talent“ schon angekommen sind: „Erhalte keine Absagen mehr“ und „Lasse Dich von Top-Arbeitgebern finden“, rät zum Beispiel die Jobbörse Absolventa.de. Sie bemerken an der Formulierung, wie sich die Verhältnisse gedreht haben: „Lasse Dich finden“ heißt es da. Dieser kleine Satz beschreibt die neue Welt.

 

Die Regel der alten Welt lautete: Arbeitnehmer suchen den Job. Arbeitgeber suchen aus.

 

 

Den Druck, der hinter diesem Thema steht, spüren wir alle längst – schauen Sie in Ihre eigene Praxis der Mitarbeitergewinnung.

 

Dazu passen die täglichen Beobachtungen vieler Personalpraktiker: Die Zahl der Bewerbungseingänge auf klassische Stellenausschreibungen sinkt, manchmal auf null. Die Qualität der eingehenden Bewerbungen lässt zu wünschen übrig. Bewerber, die zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, erscheinen oft ohne Absage nicht zum Termin. Selbst bei Einstellungszusagen mit Vertragsangebot kommt manchmal – nichts! Der Stelleninteressent hat längst für einen anderen Job unterschrieben; es gab ein besseres Angebot eines Arbeitgebers, der einfach schneller war.

 

Auf all diesen kleinen Signalen klebt nie das Etikett „War for Talent“ – aber genau das ist der „War for Talent“! Er nagt inzwischen überall, auf fast allen Teilarbeitsmärkten, in fast allen Regionen unseres Landes, in allen Qualifikationsstufen. Der „War for Talent“ findet heute statt, nicht in irgendeiner fernen Zukunft. Wir sollten nur genau hinsehen und die Beobachtungen nicht ignorieren, sondern richtig deuten.

 

Eine Vorhersage, wie der Wettlauf um Talente weitergehen wird, ist nicht schwer: Mitarbeiter, die Sie 2023 oder 2028, also in fünf oder zehn Jahren, einstellen werden, sind alle schon geboren. Ein Blick in die Bevölkerungspyramide zeigt, wo Sie überhaupt noch rekrutieren können. Die Baby-Boomer-Jahrgänge stehen dann als aktive Rekrutierungsbasis nicht mehr zur Verfügung. Um die schon berufstätigen Jahrgänge müssen Sie bei annähernder Vollbeschäftigung hart kämpfen. Und bei den Neueinsteigern ins Berufsleben – das kennen Sie aus Ihrer Praxis – werden Sie noch härter kämpfen müssen als heute, weil die Zahl der Berufsanfänger Jahrgang für Jahrgang kleiner wird.

 

Deshalb die aktuelle Frage an uns selbst: Öffnet der Strom der Einwanderer einen Ausweg aus unserer bedrückenden Lage, die der demografische Umbruch mit sich bringt? Für eine Antwort lohnt der Blick in die Praxis.

Franz Przechowski ist Firmenchef und Inhaber von Unicblue, einem international tätigen Messebauer. Er stellte drei junge Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren ein, die als Flüchtlinge aus Eritrea und Guinea gekommen waren. Sie arbeiten in seinem Betrieb als Schreiner-Lehrlinge.

Der Familienunternehmer aus Gelsenkirchen sagt: „Wir empfinden es als unsere humanitäre Pflicht, Menschen, die unter Lebensgefahr aus ihrer Heimat fliehen mussten, eine Chance zu geben“. Ohne Berufsausbildung und Sprachkenntnisse werde die Integration der Einwanderer scheitern, deshalb engagiere er sich.

 

Wir alle kennen diese Beispiele. Wenn so etwas klappt, ist das wunderbar – für die Einwanderer ebenso wie für uns als Gemeinwesen. Arbeit schafft diesen Menschen einen Anker in der neuen Heimat – und jeder Integrierte ist ein Plus auf dem Konto „Arbeitsbevölkerung“ und ein Minus auf dem Konto „Sozialausgaben der Zukunft“.

 

Nur sollten wir realistisch bleiben. Von hundert Einwanderern, die aus Krisengebieten kommen – wie viele davon konnten wir ins Arbeitsleben integrieren? Nach meiner persönlichen Evidenz würde ich die Quote bei 1 : 50 bis 1 : 100 ansiedeln. Auf hundert Einwanderer kommen ein oder zwei, bei denen es so klappt wie in diesem Schreinereibetrieb in Gelsenkirchen.

Für mehr ist das Nadelöhr, das in unsere westliche Leistungsgesellschaft führt, zu eng. Deutschkenntnisse, ein starker Wille, kulturelle Offenheit, Frustrationstoleranz, gute Grundsubstanz an Bildung – diese Kriterien müssen in Summe erfüllt sein, damit es klappen kann.

 

Wir freuen uns zu Recht über jeden gelungenen Fall, aber für den Arbeitsmarkt bringt selbst eine Integrationsquote von 1 : 25 viel zu wenig, um irgendeine Entlastung im „War for Talent“ zu schaffen.

 

Für die Personalarbeit heißt das: Wir werden mit den vorhandenen Quantitäten arbeiten müssen – und uns neuen Herausforderungen zu stellen haben.

 

Aus “13 Impulse für Ihre Personalarbeit” von Edmund Mastiaux, 2018

 

 

AUTOR/-IN
Edmund Mastiaux
Bleiben Sie auf dem Laufenden und abonnieren Sie uns

Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an, um via E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Menü